Vermeidungsstrategien

Foto: © Maren Beßler/ PIXELIO www.pixelio.de

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von Axel Speitmann

Vorgestern habe ich mit Erschrecken festgestellt, dass ich wieder an den Meisterschaften der Vermeidungsstrategen teilnehme. Im Frühjahr hatte ich mir ein sehr resolutes Abnehmprogramm auferlegt mit viel Sport, wenig Essen und ein paar extra Tricks. Ziel war es, vor dem Sommer die Marke von 85 kg zu erreichen.

Alles lief sehr gut. Ich habe prima abgenommen und war stolz auf mich. Bis auf knapp 2 Kilo bin ich an die Marke auch heran gekommen. Doch dann habe ich so einiges schleifen lassen. Wegen einiger kleinerer Verletzungen funktionierte das mit dem Sport nicht so. Stress, jede Menge Verpflichtungen und wenig Zeit, da klappte das mit dem gesunden Essen nicht mehr so richtig. Und dann wurde es ja auch so langsam wärmer; da schmeckt das Bier einfach besser. Also habe ich das mit dem Fasten auch nicht mehr so ernst genommen.

Wir suchen immer nach Ausflüchten

Merkst du was? Alles Ausflüchte! Die kleineren Verletzungen haben mich nicht ans Bett gefesselt. Ich konnte vielleicht mein Sportprogramm nicht so machen, wie ich es geplant hatte. Aber es hätte genug Alternativen gegeben. Stress und Zeitnot sind Dinge, die wir sehr wohl im Griff haben, wenn wir nur wollen. Und gesundes Essen geht immer. Es ist nur manchmal etwas aufwändiger als Fast-Food. Aber selbst das nicht generell. Tja und das mit dem Fasten sollte man genauso wenig übertreiben, wie das mit dem Bier trinken. Die richtige Mischung macht es wohl.

Vorgestern dann jedenfalls der Schock und die Einsicht, dass was falsch läuft. Seit meinem letzten Gang auf die Waage, der schon einige Wochen zurückliegt (ich wusste schon warum ich da nicht drauf bin), habe ich glatte drei Kilo – in Worten: DREI – zugenommen. Ich habe es gewusst. Die ganze Zeit habe ich es gewusst. Und trotzdem habe ich den Gang auf die Waage gescheut. Ich war mir der Konsequenzen bewusst.

Eine Waage ist unbestechlich. Meine zumindest. Sie zeigt mir schonungslos die Wahrheit. Die unschöne, ungeschminkte, schreckliche Wahrheit. Ich bin zu dick! Über Wochen habe ich mich davor gedrückt der Wahrheit ins Auge zu sehen. Ich habe die Waage gemieden. Ich hatte Strategien, wie ich trotzdem kein schlechtes Gewissen bekomme und ich hatte Ausflüchte, die ich mir zurechtlegte.

Strategien gegen das wirklich Wichtige

Vermeidungsstrategien nenne ich so etwas. Ich vermeide die Konfrontation mit der Wahrheit. Ich vermeide die Konfrontation mit Schmerz. Ich vermeide die Konfrontation mit Anstrengung. Ich vermeide die Konfrontation mit Unangenehmem. Und ich vermeide die Konfrontation mit mir selbst und meinem schlechten Gewissen.

Wie mache ich das? Ich gehe einfach allem aus dem Weg, was mich an meine eigentlichen Ziele oder Aufgaben erinnert. Ich suche mir Beschäftigungen, die mich abhalten von dem, was eigentlich wichtig ist. Ich mache eine Alibi-Einheit Sport für das gute Gewissen. Ich ernähre mich einen Tag mal richtig gesund und denke, dass ich damit mein Soll erfüllt habe.

Und was ich nicht mache, dass ist alles das, was mir meine Schlamperei und Zügellosigkeit vor Augen führt. Ich kontrolliere weder mein Gewicht noch wieviel ich esse. Ich halte mich nicht an meinen Trainingsplan und suche mir keine Alternativen, wenn ich verletzungsbedingt bestimmte Dinge nicht machen kann. Ich betrachte mich nicht im Spiegel. Und ich tue tausend unwichtige Dinge, bevor ich zu den Entscheidenden komme.


Wer sich in so einer Situation wie ich befindet, der sucht häufig auch dann noch Ausflüchte, wenn er die Situation erkannt hat. „Klar mache ich was falsch, aber ich verfalle immer wieder in den alten Trott.“ Oder: „Ich kann mich so schlecht motivieren!“ Oder: „Die Versuchungen sind zu groß!“ Letztlich sind das aber keine besseren Argumente, als das, was ich oben als Ausflüchte genannt habe.

Wir sind die Besten (Vermeider)

Wir gehören zur Bundesliga der Vermeidungsstrategen. Wenn es darum geht, etwas nicht zu tun, fällt uns immer etwas ein. Wenn es darum geht eine Sache konsequent nicht zu verfolgen, können wir sehr zielstrebig sein. Wenn es darum geht einer Verpflichtung auszuweichen, fallen uns hunderte andere Verpflichtungen ein. Ist das nur so, weil die wichtigen Aufgaben mit Arbeit und Schweiß verbunden sind? Ist das so, weil diese Dinge uns Zeit kosten und Anstrengungen von uns erfordern?

Ich glaube nicht, denn wenn man es genau betrachtet, müssen wir doch manchmal enorme Anstrengungen aufbieten, um uns von den wichtigen Dingen abzuhalten. Wollen wir vielleicht, dass es uns nicht gut geht? Ich rede hier nicht nur von Prokrastination der „Verschieberitis“, sondern auch von Verhalten, das unseren Körper oder unseren Geist Schaden zufügt. Oder die Dinge, die unsere Karriere behindern oder unsere Beziehungen zu anderen Menschen zerstören. Warum machen wir Dinge, die uns ganz offensichtlich schaden?

Ich glaube fest, dass unsere Vermeidungsstrategien am Ende den gleichen Energieaufwand benötigen, wie die offene Auseinandersetzung mit unseren Aufgaben und Problemen. Der Unterschied liegt wohl eher darin, dass die Vermeidungsstrategien passive Strategien sind, bei denen wir reagieren, während eine Konfrontationsstrategie eine offensive Strategie ist, die Aktion erfordern. Das heißt, wir müssen in die Pötte kommen. Wir müssen nachdenken, eigene Ideen haben. Wir müssen agieren, anstatt zu reagieren. Das bedeutet Verantwortung zu übernehmen.

Offensiv leben

Wer Abwehrmechanismen nutzt, der ist auch schnell dabei, wenn es darum geht, die Schuld bei Anderen zu suchen. Wer dagegen aktiv ist, wer vorprescht, wer die Konfrontation sucht, der muss auch die Verantwortung übernehmen, wenn etwas schief geht. Offensiv ist nicht gleichbedeutend mit aggressiv. Wer die Konfrontation nicht scheut, der hat keine Angst. Wer sich offensiv verhält, der will nach vorne. Ich jedenfalls habe vorgestern wieder die Verantwortung für mich übernommen. Ich konfrontiere mich mit der Wahrheit und ich bin aktiv, um etwas zu ändern.

Cool, gerade habe ich den Artikel beendet und da läuft dieses Lied. Wie passend! – Also, beweg Deinen Arsch…




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1 Jul 2009 | in intelligenter leben » | Kein Kommentar

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