Übern Friedhof

Foto: © Maria Lanznaster/ PIXELIO www.pixelio.de

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von Axel Speitmann


Beinahe jeden Tag gehe ich einmal über den Friedhof meines Wohnortes. Ich wohne auf einem Berg. Und der kürzeste Weg in die Stadt führt über einen öffentlichen Weg, der den Friedhof in zwei etwa gleichgroße Hälften teilt. Wenn ich also zum Bäcker gehe, oder zur Post, oder zur Bank, oder zur Bushaltestelle oder zur Apotheke…also im Prinzip jedes Mal, wenn ich zu Fuß Richtung Stadt laufe, dann gehe ich diesen Weg über den Friedhof.

 



Es ist ein schöner Friedhof. Ruhig, abseits der Stadt und trotzdem gut und schnell zu erreichen. Er ist mit einer Steinmauer umgeben und auf dem ganzen Friedhof stehen schön verteilt Schatten spendende Bäume und Büsche.  Der Weg, den ich gehe, ist immer stark frequentiert, von Friedhofsbesuchern, von Schülern auf dem Schul- oder Heimweg, von Menschen, die wie ich oberhalb des Friedhofs wohnen.

Ich genieße die ruhige und friedliche Atmosphäre, wenn ich diesen Weg über den Friedhof nehme. Ich schaue mir die Gräber an, lese die Inschriften und Namen auf den Grabsteinen, manche nur einmal, andere immer wieder, weil sie mir unwillkürlich ins Auge fallen. Dieser Weg über den Friedhof macht mich selber ruhig,…aber auch nachdenklich. Denn es ist immer auch ein bisschen eine Begegnung mit dem Tod.


Da fragt man sich…halt, nein…da frage ich mich dann, wie ich wohl mal sterben werde. Wird jemand bei mir sein und meine Hand halten? Wird es ein friedlicher oder ein qualvoller Tod sein. Wird es morgen, in einem Jahr oder in zwanzig Jahren sein? Wird jemand um mich trauern, oder werden sich die Erben freuen, dass ich endlich den Löffel abgebe? Was bleibt dann noch von mir, wenn ich nicht mehr bin? Und… was kommt danach?

Die Frage, ob nach dem Tod nur noch die Würmer Freude an mir haben, oder ob da noch mehr ist, das kann niemand mit Gewissheit beantworten. Nur Glauben oder eben nicht Glauben ist da die Alternative. Aber mal drüber nachdenken schadet nie. Und jeder muss irgendwann für sich persönlich entscheiden, was er glaubt oder eben nicht.

Als junger Mensch habe ich während dem Zivildienst erlebt, was es bedeutet, alt und krank zu sein und was es heißt langsam und unter Schmerzen und ohne Aussicht auf Genesung langsam zu sterben. Und ich habe auch gelernt, was das für Angehörige bedeuten kann. Die wenigsten von uns setzen sich allerdings mit dem eigenen Tod auseinander. Dabei ist der Tod keine „Möglichkeit“, sondern eine absolute Größe. Es gibt keine Alternative. Wir haben keine Wahl, wir können uns nicht etwas anderes stattdessen aussuchen. Wir sterben alle. Irgendwann.

Vielleicht würde es uns nicht mehr so überraschend treffen, wenn ein Mensch aus unserem engsten Umfeld stirbt, wenn wir uns schon vorher einmal mit dem Thema beschäftigen würden. Ein Gang über den Friedhof, ein bisschen Zeit zum Nachdenken und etwas Muße zum Gedenken an die, die uns schon verlassen haben, kann ein Anfang sein. Vielleicht, aber auch nur vielleicht ist das Ende dann auch ein wenig einfacher für uns und wir verlassen dieses Leben versöhnlicher und gelassener. Ganz egal, was danach kommt.





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4 Mrz 2010 | in zufriedener leben » | Kein Kommentar

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