Im Mittelmaß des Lebens

von Axel Speitmann

Nicht jeder von uns kann Bundesliga spielen. Wir können nicht alle zur Elite gehören. So simpel und profan diese Sätze auch klingen mögen, so frustrierend sind sie doch für viele von uns. Angesichts der zehntausende von jungen Menschen, die sich jedes Jahr aufs Neue bei den Castings für die Superstar- und Supermodel-Shows melden und sich vor einem Millionenpublikum zum Affen  machen, muss man sich wirklich fragen, ob diese Menschen  die Wahrheit einfach verdrängen oder ob sie wirklich alle glauben, dass sie „Bundesligaformat haben“.

Ein Großteil von uns muss irgendwann in seinem Leben erkennen, das er im Mittelmaß des Lebens gelandet ist, ganz egal wie hochfliegend die Träume unserer Jugend auch einmal waren. Manch einer erlangt diese Erkenntnis nie. Manch einer will sie nicht wahr haben. Und manch einer erkennt zwar, dass er im Mittelmaß des Lebens gelandet ist, hat aber Probleme damit, sich damit abzufinden.

Ich erinnere mich noch sehr gut an dieses Gefühl in meiner Jugend. Man wollte viel, hatte Träume und Ideen im Überfluss. Nur eines wollte man nicht: So werden wie die Erwachsenen, die man kannte. Das waren doch alles Spießer. Menschen im Mittelmaß des Lebens – nichts Besonderes. Wir wollten Sänger werden oder Fußballstars oder berühmte Schauspieler. Oder am besten gleich alles gleichzeitig. Und Millionär sowieso. Wir wollten etwas Besonderes sein. Aus der Masse herausstechen, auffallen. Wir wollten berühmt, reich und schön sein.

Well, ich bin weder Fußballstar noch Sänger oder Schauspieler geworden. Und Millionär leider auch nicht. Soll ich sagen „noch nicht“? Nein, irgendwann geht man dann doch nicht mehr mit diesen Träumen schwanger. Ausgeträumt. Das Mittelmaß des Lebens hat uns eingefangen und lässt uns nicht mehr aus seinen Klauen. Wir sind normal. Wie alle anderen. Nicht mehr und nicht weniger.  Frustrierend, oder nicht?

Frustrierend nur dann, wenn man in fortgeschrittenem Alter noch nicht eingesehen hat, dass es an der Spitze eben enger wird und ganz oben nur Platz für ganz wenige ist. Natürlich haben wir auch heute noch den Anspruch etwas Besonderes zu sein. Auch Menschen mit 40, 50 und 60 Jahren versuchen aus ihrem Leben etwas Außergewöhnliches zu machen. Auch in fortgeschrittenem Alter schaffen es Menschen ins Rampenlicht, oder in den illustren Kreis der Top-Verdiener. Und selbst jenseits Mitte Dreißig gibt es noch Top-Sportler, die den Jungen zeigen, wo es lang geht. Aber…eben nur ganz wenige. Eine kleine Elite, die entweder mehr arbeitet als die anderen, oder talentierte ist als die anderen, oder skrupelloser als die anderen, oder intelligenter als die anderen.

Doch was ist mit all den anderen? Wenn nur diese kleine Elite ihre Träume verwirklichen kann und in der Bundesliga spielen darf, sollen sich die anderen alle einen Strick nehmen? Das Gute ist, dass die Menschen sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was sie in ihrem Leben erreichen wollen. Wir wollen eben nicht alle Fußballstars werden. Durch die Vielzahl der unterschiedlichen Träume, die Menschen haben, potenzieren sich natürlich auch die Möglichkeiten doch einen unserer Jugendträume zu verwirklichen. Aber was ist mit denen, die unbedingt Fußballstars werden wollen, oder Schauspieler oder ein berühmter Sänger?

Nun zunächst einmal muss man sagen, dass es Menschen gibt, die durchaus das Zeug dazu haben zur Elite zu gehören, doch es trotzdem niemals schaffen. Grund dafür können Blockaden sein, wie zum Beispiel ein zu hoher Erwartungsdruck, den man selber aufbaut. Oder er wird uns schon in jungen Jahren quasi von den Eltern mit in die Wiege gelegt. Da hat jemand das Talent oder die Intelligenz, um seinen Traum verwirklichen zu können. Doch er oder sie kann die Träume nicht verwirklichen, weil er sich selbst im Weg steht. Zum Beispiel wegen Lampenfieber. Oder, weil man zuviel auf einmal will und tausend Dinge anfängt, aber nichts zu Ende führt.

Ein anderer Grund warum es nicht so funktioniert, wie wir es uns erträumen, kann aber auch darin liegen, dass unser Umfeld uns boykottiert. Das kann indirekt sein, weil wir das Gefühl vermittelt bekommen, dass es unseren Eltern, unseren Freunden oder unserem Partner egal ist, was wir machen. Niemand will was von unseren Träumen und Wünschen wissen. Oder, die Personen, denen wir von unseren Träumen erzählen, wollen uns die Flausen aus dem Kopf treiben und nehmen uns jeglichen Mut, überhaupt einen Versuch zu starten unseren Traum zu leben. So niedergemacht geben wir irgendwann auf und folgen unseren Wünschen nicht mehr weiter.

Und dann gibt es die dritte Gruppe, die bei weitem am größten ist. Das ist das echte Mittelmaß. Menschen, die auch Träume haben, deren Fähigkeiten in diesem speziellen Bereich, in dem sie zur Elite gehören wollen, leider bei weitem nicht ausreichen. Diese Menschen werden ihr Leben lang nur Mittelmaß bleiben, da die Vorrausetzungen dafür zur Elite zu gehören und in der Bundeliga mitzuspielen niemals gegeben sein werden. Sie haben nur dann eine Chance aus dem Mittelmaß herauszukommen, wenn sie einsehen, dass der Bereich, den sie sich gewählt haben, einfach nicht der Richtige für sie ist. Es kann durchaus sein, dass sie eine andere Disziplin finden, in der sie das Zeug zum Champion haben.

Doch ist es wirklich so schlimm nicht zur Elite zu gehören? Kann man nicht auch mit weniger zufrieden sein? Wer immer danach strebt der Erste, Schnellste, Beste und Reichste zu sein, der ist ein Getriebener. Solch ein Mensch weiß nicht, was Zufriedenheit bedeutet. Vielleicht ist ja das Mittelmaß des Lebens genau das, was viele von uns zu glücklicheren Menschen werden lässt. Denn wenn wir in den meisten Bereichen unseres Lebens so sind, wie die vielen anderen und uns damit abfinden können, dann haben wir ein stressfreieres Leben. Wenn wir weder uns noch anderen ständig beweisen müssen, wie toll wir sind, dann können wir auch mal die Beine hoch legen und dem geschäftigen Treiben der anderen zuschauen. Ist doch auch eine schöne Vorstellung, oder?

„Ja was jetzt“, wird der eine oder andere von Euch sagen. Soll ich jetzt meinen Traum leben, oder soll ich mich zum Mittelmaß bekennen und die Füße hochlegen? Ich sage: Beides!

Es ist immer gut einen Traum zu haben, für den es sich zu leben lohnt. Träume geben uns Ziele, Visionen und Ideen. Aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht über unsere eigenen Füße stolpern, wenn wir losmarschieren. Wenn unser Ziel zu weit weg ist von unserem gegenwärtigen Standpunkt, dann laufen wir Gefahr irgendwann enttäuscht dazustehen, weil wir nach langer Wegstrecke immer noch kein Ende sehen. Um bei unserem Bild zu bleiben: Wenn wir in der Kreisliga mitspielen und die Bundesliga unser Ziel ist, dann ist das ein verdammt langer Weg. Natürlich steht es jedem frei, der in der Kreisliga spielt von der Bundesliga zu träumen. Aber wenn er wirklich vorankommen will, dann sollte sein nächstes realistisches Ziel die Bezirksklasse sein. Und eventuell muss man schon da feststellen, dass es für mehr nicht reicht. Aber vielleicht merkt er dann in der Bezirksklasse: „Ja, das ist meine Welt. Hier gehöre ich hin.“ Und vielleicht träumt er dann irgendwann einen anderen Traum, den er weiter verfolgen kann. Und solange Du den nicht gefunden hast: Probier es doch mal mit Füße hochlegen und relaxen? Wir müssen nicht immer an der Spitze stehen. Mittelmaß zu sein ist nichts Ehrenrühriges.

Andererseits: Kämpfe für Deine Träume, arbeite daran sie zu verwirklichen und sei durchaus ehrgeizig. Aber: Bleibe in deinen Träumen soweit Realist, dass Du dir bewusst bist, dass Du immer einen Fuß vor den anderen setzen musst, um weiter zu kommen. Es gibt keine Siebenmeilenstiefel und Du kannst eine lange Treppe nicht in einem Satz nehmen.  

Und ein Letztes: Wer nicht zum Mittelmaß des Lebens gehören will, der muss arbeiten. Denn nur durch harte Arbeit kannst Du dich absetzen von denen, die ebenfalls den gleichen Traum haben wie Du und die gleichen Voraussetzungen mitbringen.



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4 Apr 2009 | in zufriedener leben » | Kein Kommentar

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