Ich will nicht mehr…

Sackgasse

von Axel Speitmann

(Foto von Sean Dreilinger)

Gestern habe ich meine Statistiken für den Blog genauer durchforstet und dabei eine für mich erschreckende Entdeckung gemacht. Über die Google-Suche war jemand mit der Eingabe „ich will nicht mehr leben“ auf meiner Seite gelandet. Nicht, dass ich über die Worte an sich erschrocken gewesen wäre. Es war nicht das erste Mal, dass ich mit dem Thema Selbstmord direkt konfrontiert wurde. Vielmehr war es die plötzliche Erkenntnis, welche Verantwortung ich mir mit dem Titel und der Zielsetzung des Blogs selber auferlegt habe. Eventuell hat ja nur jemand nach dem Thema „Selbstmord“ oder „nicht mehr leben wollen“ recherchiert. Aber vielleicht war da wirklich ein Mensch auf der Suche nach Sinn, nach Hilfe, nach einem, der einen Rat weiß. Vielleicht hat da jemand meinen Blog besucht mit dem Anspruch, dass ich ihm oder ihr zu einem „besseren Leben“ verhelfen kann.

Ich bin kein Psychiater. Kein professioneller Lebensberater. Keiner, der das Leben wieder zurechtbiegt, wenn man irgendwo gegen die Wand gefahren ist, die Zukunft in Scherben vor einem liegt und die Vergangenheit dicke Beulen hat. Und ich will auch nicht so vermessen sein, mich für einen Experten zu halten. Will auch nicht den Anschein erwecken. Trotzdem habe ich den Anspruch mit dem, was ich schreibe, wirklich etwas zu bewegen. Aber werde ich dabei auch der Verantwortung gerecht, die mir die Besuche solcher Menschen mit einem „verbeulten Leben“ auferlegen? Ich will mich jedenfalls in Zukunft noch mehr anstrengen.

Du willst nicht mehr leben?

Bist Du der Mensch, der mich so erschrocken hat? Was hat dich dazu bewegt, auf meine Seite zu kommen? Was suchst Du? Deine Eingabe in die Google-Suche ist keine Frage, sondern eine Aussage! Du willst nicht mehr leben, Ausrufezeichen? Stimmt das wirklich? Oder ist es vielmehr eine Frage an Google, die megakluge, allwissende und auf alles eine Antwort habende Wissensmaschine? Eine Frage nach dem Sinn? Eine Frage nach Rat, weil Du an einem Punkt bist, wo Du einfach nicht mehr weiter weißt? Es wäre interessant zu erfahren, ob Du eine Antwort bekommen hast. Einen Hinweis, wie es für Dich weiter gehen kann.

Viele von uns kommen schon mal an einen Punkt, wo sie alles hinschmeißen wollen. Eine Sackgasse im Leben, wo auf den ersten Blick nichts mehr Sinn macht. Man weiß einfach nicht mehr weiter, weil sich die Probleme so massenhaft auftürmen oder ein ganz spezielles Problem uns ganz und gar in Beschlag nimmt. Nichts anderes kommt mehr an uns heran und selbst Freunde, Familie und Kollegen scheinen weit entfernt in einer anderen Welt zu existieren, die unser Problem nicht wahrnimmt. Trotzdem kommen die wenigsten tatsächlich auf die Idee ihrem Leben selbst ein Ende zu setzen.

 

Lebensmüde? Nein danke!

Ich habe mir schon mehrfach, wenn ich mit solchen Fällen konfrontiert wurde, die Frage gestellt, ob ich in der Lage wäre mich selbst umzubringen. Solch hypothetische Fragen sind immer etwas konstruiert, denn darüber zu philosophieren, wie ich mich verhalten würden, wenn ich in einer bestimmten Situation wäre, ist etwas anderes, als tatsächlich in der Situation zu sein. Für mich persönlich bin ich jedenfalls zu dem Schluss gekommen, dass ich vermutlich meinem Leben nicht selbst ein Ende setzen würde. Ich bin grundsätzlich ein positiv denkender Mensch und ich hätte irgendwie die Erwartung, dass es sich immer noch wieder zum Positiven wenden könnte, auch wenn es mal nicht so läuft, wie ich es mir vorstelle. Und ich hätte definitiv Angst etwas zu verpassen.

Es gibt jeden Tag so viele schöne Dinge, die uns begegnen und über die wir staunen können, wenn wir sie nur wahrnehmen. Jeden Tag gibt es definitiv im Leben eines jeden Menschen etwas, worüber er sich freuen kann. Und ist es auch nur kurz, nur ein flüchtiger Augenblick. Und doch ein besonderer Augenblick. Wenn man ihm die Aufmerksamkeit schenkt ihn wahrzunehmen.

Gestörte Wahrnehmung

Vermutlich ist das das größte Problem, das Menschen haben, die sich selbst umbringen wollen. Ihre Wahrnehmung, von sich selbst und ihre Umwelt beziehungsweise ihrem Problem ist gestört. Sie sehen nur noch ihr Problem in Übergröße und unausweichlich vor sich. Oder sehen nur noch sich selbst und nicht, dass es einen Haufen Menschen in ähnlichen Lebenssituationen gibt. Damit will ich nicht das Problem als solches in Frage stellen. Ich bin mir auch durchaus bewusst, dass es Menschen gibt, die in wirklich sehr sehr ernsten Lebenskrisen stecken. Trotzdem bin ich der Meinung, dass dies kein Grund sein kann, Schluss zu machen.

Rein subjektiv sehen diese Menschen einfach keinen Ausweg mehr aus ihrer Situation. Sie befinden sich in einer „gefühlten“ Sackgasse. Objektiv betrachtet ist jedoch keine Situation aussichtslos. Böse Zungen werden jetzt sagen, dass es unrealistisch sei, wenn man am Abgrund stehend und den wütenden Stier im Nacken noch auf ein Morgen hofft. Und doch: uns als Außenstehenden fällt mit Sicherheit eine Möglichkeit ein, wie man aus der brenzligen Lage gerettet werden könnte. Und sei es noch so unwahrscheinlich. Allein die Möglichkeit, dass eine gedachte Lösung eintreffen könnte, macht aus der subjektiv aussichtslosen Lage eine objektiv zu bewältigende Aufgabe.

Wichtig ist, dass ich die Außensicht der Dinge erkenne. Dazu muss ich einen anderen, neuen Standpunkt einnehmen, der mir erlaubt, die Dinge aus der Position eines unbeteiligten Dritten zu sehen. Mir ist das einmal vor Jahren in einem Gespräch mit einem Coach sehr klar geworden. In einem Gedankenexperiment hatte ich mich ziemlich verrannt, weil ich immer nur alles aus meiner sehr beschränkten Sichtweise der Dinge betrachtet hatte. In diesem Gespräch öffnete er mir die Augen, indem er mir aufzeigte, wie eine außenstehende Person, die nichts mit der Sache zu tun hatte, die Situation aus ihrem Blickwinkel sehen würde. Es war lächerlich, wie einfach die Lösung war, nachdem man sich einmal von den Fesseln der subjektiven Wahrnehmung befreit hatte.

Wie kann man solchen Menschen helfen?

Oder besser gefragt: Wie kann ich solchen Menschen helfen, mit dem, was ich in meinem Blog mache? Wie oben schon gesagt: Ich bin kein Psychiater. Ich habe nicht die Ausbildung, um Menschen, die sich in einer Lebenskrise befinden, zu helfen. Und will auch nicht den fatalen Versuch unternehmen, mit Laienwissen diese Menschen zu kurieren. Aber ich denke, dass ich vielleicht einigen wenigen in kleinen Schritten helfen kann, indem ich ihnen meine Sichtweise der Dinge erkläre. Vielleicht hilft es jemanden, wenn er erkennt, dass sein persönliches, großes, unüberwindbares Problem aus dem Blickwinkel eines unbeteiligten Dritten gar nicht so unüberwindbar erscheint. Vielleicht kann ich nicht die Lösung für ein Problem bieten, aber doch den ersten Anstoß einmal eine andere Sichtweise, einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Und dann hätte sich der Besuch dieses einen Menschen auf meiner Seite gelohnt.


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17 Apr 2009 | in zufriedener leben » | Kein Kommentar

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