Ich will alles. Und zwar sofort !

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von Axel Speitmann

Ich weiß nicht, ob es nur ein Phänomen dieser Zeit ist, oder ob es zu allen Zeiten in einem Großteil von uns schlummerte und nur jetzt stärker zum Vorschein kommt. Wenn man sich unsere Gesellschaft anschaut, dann hat es den Anschein, als seien alle nur darauf bedacht, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu bekommen. Wir wollen alles (oder doch mindestens so viel wie nur irgend möglich). Und das jetzt. Sofort!

Wir konsumieren auf Teufel komm raus. Wir scheren uns nicht um unsere Umwelt. Wir fragen uns nicht, was aus unseren Kindern und deren Kindern wird. Wir leben für uns – und nicht für die Anderen. Klar, natürlich gibt es Ausnahmen: Mutter Theresa, Karl-Heinz Böhm, Desmond Tutu, der Dalai Lama. Aber seien wir mal ehrlich: Wenn man diese Namen hört, dann scheint es so, als kämen sie aus einer anderen, längst vergessenen Welt. Diese Menschen sind Relikte aus einer Kultur, die vielen von uns fremd ist.

Wir raffen und raffen ohne nachzudenken, ob das, was wir machen Sinn macht. Wir kaufen und kaufen, vielfach Dinge, die wir dann nach kurzer Zeit achtlos in der Ecke stehen und verstauben lassen. Wir wollen immer noch mehr Geld für unsere Arbeit und investieren einen großen Teil unserer Lebenszeit in Projekte, die uns nur noch mehr Arbeit machen und noch mehr Geld kosten. Es ist wie eine endlose Spirale, aus der man irgendwann nicht mehr herauskommt.

Denn diese Spirale des Konsums und des immer noch mehr haben wollens, die macht uns abhängig. Wenn wir uns einmal an einen bestimmten Lebensstandard gewöhnt haben, wird es schwierig wieder auf etwas davon zu verzichten. In der derzeitigen Weltfinanzkrise merkt vielleicht der ein oder andere, dass er sich einen Lebensstandard zugelegt hat, den er jetzt so nicht mehr aufrecht erhalten kann. Sei es weil Arbeitslosigkeit droht, oder weil man einfach merkt, dass die Zukunft doch nicht so rosig aussieht, wie wir sie uns im vergangenen Sommer noch alle ausgemalt hatten.

Diese globale Krise öffnet vielen erstmals die Augen, wie blind wir dem Konsumrausch und der Magie der wachsenden Märkte verfallen waren. Niemand von uns hat die Weltwirtschaftskrise am Anfang des vergangenen Jahrhunderts am eigenen Leib gespürt. Niemand kann sich wirklich das Elend und die Ratlosigkeit in den Familien aber auch bei den Wirtschaftsbossen und politischen Führern in dieser Zeit vorstellen.

Und wenn wir es genau betrachten, dann sehen wir auch heute sehr viel Ratlosigkeit in den Gesichtern der Politiker und der Vorstände unserer Vorzeigeunternehmen. Niemand hat die Krise in diesem Ausmaß erwartet. Niemand hat das Ausmaß der Gefahr der internationalen Verflechtung im Vorhinein erkannt. Alle haben immer nur die Vorteile der globalen Märkte hervorgehoben. Jetzt holt uns diese blauäugige Sichtweise ein und wir werden hart bestraft dafür.

Doch statt jetzt wirklich mal den Gürtel enger zu schnallen, verlagern wir das Problem wieder einmal nur in die Zukunft. Wir geben es weiter an unsere Kinder und Kindeskinder. Sicherlich muss der Staat jetzt reagieren. Sicherlich muss man jetzt für Arbeit sorgen. Man kann nicht darauf hoffen, das sich der Markt von alleine reguliert. Sicherlich würde er dies tun, aber zu knallharten Bedingungen. Dabei würden sicherlich Hunderttausende auf der Strecke bleiben – denn: Wir wollen ja alles. Und das sofort.

Wichtig wäre, aus dieser Krise etwas zu lernen. Erstens, dass unsere Gier uns an den Rand des Abgrunds gebracht hat. Und manch einen auch ins Grab. Ich selber habe in dieser Finanzkrise für meine bescheidenen Verhältnisse viel Geld verloren. Und nur deshalb, weil ich zu gierig war. Irgendwann überkommt es einen. Man hat nur noch Dollarzeichen in den Augen. Wenn man einmal Blut geleckt hat, dann kann man schlecht loslassen. Und dann ignoriert man alle Warnzeichen und Vorsichtsmaßnahmen. Dann denkt man nicht mehr rational.

Die Frage ist: Brauchen wir das wirklich alles, was wir an Vermögen anhäufen und tagtäglich kaufen? Müssen wir wie Dagobert Duck auf einem riesigen Berg von Geld sitzen? Macht das glücklich? Vielleicht müssen wir besser Maß halten lernen. Vielleicht müssen wir wieder lernen, wieviel unsere Freizeit oder die Zeit mit der Familie wirklich wert sind. Kann man das beziffern? Was ist uns ein geselliger Abend mit guten Freunden wert? Unbezahlbar – oder? Warum bleiben wir dann lieber Tag für Tag bis in die Abendstunden im Büro?

Was wir zweitens aus dieser Krise lernen können, ist, dass uns Einschränkungen auch bereichern können. Diese Krise ist für viele eine Chance einmal über ihr Leben nachzudenken. Ich sage nicht, dass daraus neue Karrieren entstehen. Ich sage auch nicht, dass wir in zwei Jahren wie Phönix aus der Asche aufsteigen werden und es uns besser geht, als jemals zuvor. Aber wir haben jetzt die Chance etwas zu ändern. Denn wir sind wachgerüttelt worden. Und viele haben gemerkt, dass sich etwas ändern muss. Also warum fangen wir nicht bei uns damit an?

Unsere Zeit auf dieser Erde ist endlich. Das wissen wir alle. Vielleicht haben wir auch deshalb diese Raffgier-Mentalität entwickelt. Obwohl wir ja alle wissen, dass wir nicht mitnehmen können, wenn wir diese Erde verlassen. Wenn unser „Zeitkonto“ also endlich ist, dann sollten wir schauen, dass der Ertrag daraus so hoch wie möglich ist – schon wieder die Raffgier-Mentalität -  man merkt vielleicht, ich bin studierter Betriebswirt; die denken nun mal so. Ertrag auf das Zeitkonto kann aber nicht Vermögen im monetären Sinne sein. Geld ist nur eine Recheneinheit. Die Möglichkeit den Wert einer Sache zu beziffern.

Vor vielen Jahren habe ich den Beruf des Bankkaufmanns erlernt. Was für einige in meinem Bekanntenkreis unvorstellbar war, für mich war das Geld, mit dem ich jeden Tag zu tun hatte, nur Papier. Und so sollten wir es sehen. Geld ist ein Mittel um Werte zu tauschen und messbar zu machen. Mehr nicht. In meinen Augen ist Geld nicht das geeignete Mittel um „Reichtum“ zu messen. Denn Reichtum lässt sich nicht in Geldeinheiten messen. Nicht in Dollar und nicht in Euro.

Reichtum ist die Vielfalt an Eindrücken an Genuss und Erlerntem, das wir in unserem Leben kennenlernen dürfen. Das ist der Ertrag unseres Zeitkontos. Viel Geld zu haben erleichtert es natürlich neue Genüsse, neue Erfahrungen und neues Lernpotential auszuschöpfen. Ganz klar. Aber ich lerne deshalb nicht schneller. Ich genieße nicht besser und erfahre nicht intensiver, nur weil ich Geld habe. Geld ist auch hier wieder nur Mittel zum Zweck.

Ändern wir also unser Verhalten und versuchen mehr „gute Erfahrungen“ zu machen. Oder mehr Dinge in unserem Leben wirklich voll und ganz zu genießen. Vielleicht sogar Dinge, die wir bisher garnicht wahrgenommen haben, weil sie in einer „Ich-will-alles-Gesellschaft“ einfach selbstverständlich geworden sind. Oder lasst uns diese schwierige Zeit nutzen, um etwas Neues zu lernen, das unser Leben bereichert.

Ich zum Beispiel habe mir neben einigen anderen Dingen vorgenommen eine weitere Fremdsprache zu lernen. Nicht weil ich es für den Beruf brauchen könnte, sondern einfach nur so für mich. Bis zum Ende dieses Jahres möchte ich gut Spanisch beherrschen in Wort und Schrift. Ehrgeizig? Ja. Aber Ehrgeiz ist ja nicht grundsätzlich schlecht. Wir dürfen durchaus ambitioniert sein. Aber wir sollten sehr genau auswählen, wofür wir unsere Energie, Zeit und Geld einsetzen wollen.

Ich möchte in der Lage sein mit mehr Menschen auf dieser Welt in ihrer Muttersprache zu kommunizieren. Und ich möchte fremde Länder bereisen und die Menschen und ihr Leben dort kennen lernen. Ich will nicht alles. Und ich will es nicht sofort. Ich habe Zeit. Und ich nehme mir einen Teil dieser Zeit genau dafür.

Die Finanzkrise zeigt uns, dass wir eben nicht immer alles haben können und auch nicht alles sofort. Ein Leben auf Pump egal ob es sich dabei um Geld, Sinn  oder Lebenszeit handelt, kann auf Dauer nicht funktionieren. Irgendwann werden wir zur Kasse gebeten. Und wehe, es trifft uns so unerwartet, wie viele seit dem vergangenen Herbst. Es ist Zeit uns zu fragen, ob unser Leben auf einem soliden Fundament ruht. Wenn nicht, kann alles gieren nach Geld, Luxus, Ruhm und Unterhaltung uns nicht retten!

Was hast Du für Dich aus dieser Finanzkrise gelernt?

 

(Foto von marfis75)



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14 Mrz 2009 | in einfacher leben » | Kein Kommentar

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