Gib dem Vieh einen Namen

Foto von istockphoto.com

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von Axel Speitmann

Vor Jahren, als meine älteste Tochter noch ein Kleinkind war, haben wir einmal Urlaub auf einem Bauernhof gemacht. In unmittelbarer Nähe des Hofes hatten die Eigentümer ein Ferienhaus gebaut mit mehreren schönen Wohnungen. Für unsere Tochter, die das „Landleben“ gar nicht kannte und eher etwas Respekt vor Tieren jeglicher Größe hatte, war es ein tolles Erlebnis. Sie konnte an der Hand der Eltern eine völlig neue Welt erkunden.


Schweine ohne Namen

Natürlich gingen wir mit ihr in den Kuhstall. Über jeder Box war ein Namensschild angebracht und da meine Tochter noch nicht lesen konnte, lasen wir ihr die Namen vor und schauten uns gemeinsam die Kühe an. Dann gingen wir in den Schweinestall. Hier grunzten uns vier dicke, dreckige, rosarote Schweinchen an und schnüffelten mit ihren Steckdosennasen an unseren Händen. Was unserer Tochter gleich auffiel: Es gab keine Namensschilder.

Als wir die Bäuerin danach fragten, antwortet sie frei heraus: „Die Kühe halten wir wegen der Milch und für die Nachzucht von Kälbern. Die Schweine werden nur großgezogen und kommen dann zum Schlachter. Da entwickelt man kein persönliches Verhältnis.“ Und deshalb hatten die vier rosa Schweinchen, die es meiner Tochter so angetan hatten, eben keine Namen.

Alles sollte einen Namen haben

Diese Antwort passte ihr jedoch garnicht. Bei ihr musste alles einen Namen haben. Jede Puppe, jedes Stofftier, einfach jedes Ding. Wie konnte es da angehen, dass diese vier süßen Schweine keine Namen hatten. Und so überlegte sie sich Namen für die Schweine. Sie nannte eines „Butterblume“ und ein anderes „Glücksklee“, glaube ich. Wie die anderen beiden hießen, weiß ich leider nicht mehr.

Von nun an, wenn wir in den Schweinestall gingen, wurden die Tiere bei ihrem Namen gerufen. Sie waren Persönlichkeiten geworden. Man konnte sie nicht nur an Äußerlichkeiten unterscheiden, sondern auch mit ihrem individuellen Namen rufen.

In diesen knapp zwei Wochen auf dem Bauernhof haben wir es leider nur selten geschafft, dass die Schweine auf ihren Namen gehört haben. Und wahrscheinlich hat sie danach auch niemals wieder jemand in ihrem vermutlich kurzen Leben so gerufen. Aber für diese kurze Zeit waren sie etwas ganz Besonderes.

Mehr Respekt

Wir sollten den Tieren mehr Respekt zollen. Wir sollten uns mehr bewusst werden, wie unser Konsumverhalten dazu beiträgt, dass Massentierhaltung „notwendig“ wird und positiv sanktioniert wird. Die Zeiten, wo alle Schweine einen Namen hatten, sind wohl für immer vorbei. Aber ich bin der Meinung wir müssen lernen, als Konsumenten mehr Verantwortung zu übernehmen für das, was wir durch unser Tun oder Unterlassen bewirken.

Wer den Film „We feed the world“ kennt, der weiß wovon ich spreche. Wer ihn nicht kennt, der kann hier im Trailer einen kurzen Einblick in die perversen „Produktionsstrukturen“ unserer modernen Konsumgesellschaft bekommen. Der Film ist grausam, erschreckend, nichts für zarte Gemüter. Aber aufrüttelnd und absolut sehenswert, weil er tiefe Einblicke gewährt hinter die Kulissen der Nahrungsmittelindustrie.

Gib dem Vieh einen Namen! Lass dein Schwein wieder Rosi oder Eduard oder Max heißen.

Wenn es als Schnitzel auf deinem Teller liegt, ist es zu spät, um eine persönliche Beziehung zu ihm aufzubauen.




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30 Jul 2009 | in glücklicher leben » | Kein Kommentar

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