Die andere Seite
von Axel Speitmann
Die Früchte in Nachbars Garten
Was jedes kleine Kind schon sehr früh lernt, „die Früchte in Nachbars Garten sind immer noch ein bisschen süßer, ein bisschen leckerer, ein bisschen größer…die Kuh hatte es ebenfalls entdeckt. Auch wenn es sich um (aus meiner Sicht) „schnödes Gras“ handelte. Das, was da auf der anderen Seite des Zauns wuchs, musste so gut sein im Vergleich zu dem etwa gleich großen Gras, auf dem sie stand, dass es sich dafür lohnte in die Knie zu gehen und den Hals lang zu machen. Und natürlich riskierte sie auch einen elektrischen Schlag zu bekommen, wenn sie zu gierig oder unvorsichtig wurde.
Was macht die „andere Seite“ eigentlich zur „besseren Seite“? Und warum hatte nur diese Kuh den Drang nach den Genüssen auf der fremden Wiese, während ihre Artgenossen sich mit dem täglichen Einerlei – grünes Gras von der Wise gleich zu ihren Füssen – zufrieden gaben? Warum fanden sie mich viel interessanter als das Gras auf der anderen Seite des Zauns. Waren sie schlauer? Vorsichtiger? Oder hatten sie einfach nur schlechte Erfahrungen mit elektrischem Strom gemacht?
Manche riskieren, dass es weh tut
Was die Kühe angeht, so werde ich wohl niemals eine Antwort bekommen. Aber bei mir kam natürlich gleich wieder der Vergleich zum Menschen auf. Verhalten wir uns nicht in vielen Fällen genauso? Wir wissen, dass etwas „gefährlich“ oder unangenehm werden könnte. Es ist verdammt anstrengend. Wir müssen den Hals recken so weit es geht und auf die Knie gehen. Wir riskieren, dass es weh tut. Wir riskieren, dass die anderen über uns lachen oder uns meiden. Und trotzdem tun wir es.
Deshalb, weil wir der Meinung sind, dass das „Gras“ auf der anderes Seite des Zauns besser schmeckt. Deshalb, weil wir einen Traum wahr werden lassen wollen. Deshalb weil wir mehr erreichen wollen als die Anderen, oder denken, dass wir besser sind als die Anderen. Deshalb, weil wir uns Reichtum, Erfüllung oder besonderen Genuss davon versprechen. So wie die Kuh.
Und dann sind da die vielen Anderen. Die geben sich zufrieden mit dem täglichen Einerlei. Oder vielleicht auch nicht zufrieden. Dann muhen sie laut vor sich hin und beschweren sich darüber, dass es jeden Tag immer nur das gleiche gibt – grünes Gras -, aber sie sind zu faul, um auf die Knie zu gehen oder den Hals zu recken, um an die richtig guten Sachen zu kommen. Sie meiden die Anstrengungen. Von denen, die zu blöd dazu sind und irgendwann mit angekokeltem Ohr über die Weise galoppieren, weil sie Bekanntschaft mit dem Elektrozaun gemacht haben, wollen wir mal gar nicht reden.
O.K., ich sehe es ein, ich mixe hier die Metaphern ein bisschen wild durcheinander. Aber Fakt ist doch, es gibt eine andere Seite. Die gibt es immer im Leben. In dem einer Kuh. Und auch in unserem. Denn auch wir bewegen uns innerhalb eines imaginären Zauns. Und das Überschreiten der gesellschaftlichen, familiären, finanziellen, politischen und persönlichen Grenzen kann noch viel schmerzhaftere Folgen haben, als ein kleiner Schlag eines Elektrozauns.
Im siebten Himmel
Und trotzdem gibt es die, die wissen wollen, was auf der anderen Seite ist. Sie machen den Hals lang. Sie gehen auf die Knie. Und sie genießen die tollsten Leckereien, die das Leben zu bieten hat. Und sie fühlen sich wie im siebten Himmel.
Das, obwohl sie auf dem gleichen Gras stehen, das einen Meter weiter auf der gegenüber liegenden Seite des Zauns genauso wächst. Und…ständen sie auf der anderen, der „besseren“ Seite des Zauns, ratet mal, was sie da machen würden. – Richtig, sie gingen in die Knie und würden den Hals strecken, um an die Grashalme auf der anderen Seite des Zauns zu kommen. Und sie würden sich wieder fühlen, wie im siebten Himmel…
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Auf der Anderen Seite des Zaunes, sind die Grashalme lockerer
Auf der Anderen Seite des Zaunes gibt es keine Kühe
Auf dieser Seite des Zaunes hat jeder Grashalm schonmal bekanntschaft mit einem Huf gemacht, darum siehe Satz 1
Vielleicht ist es auch nur ein Biochemischer Würtzfaktor “Adrenalin”
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