Deine Bergprüfung

Foto von istockphoto.com

Foto von istockphoto.com

von Axel Speitmann

Nachdem ich vor kurzem umgezogen bin, habe ich mir in der „neuen Heimat“ eine passende Joggingstrecke gesucht. Sehr schnell habe ich eine Strecke gefunden, die bei Bedarf auch noch verlängert werden kann, oder abgekürzt, wenn mal nicht so viel Zeit zum Laufen bleibt.

Zur Zeit laufe ich knapp eine Stunde, wenn ich die Zeit dazu habe. Ungefähr auf der Hälfte meiner neuen Joggingstrecke gibt es eine starke Steigung. Da die Gegend hier nicht eben ist und ich an einem Berg wohne, muss ich das in Kauf nehmen, wenn ich direkt von der Haustüre loslaufen will. Diese Steigung ist meine persönliche Bergprüfung, die ich drei bis viermal die Woche bezwingen muss.

Ich weiß nicht, ob es an der anderen Umgebung liegt, jedenfalls japse ich auf dem ersten Stück der Strecke ganz ordentlich. Sonst waren es eher die Muskeln, die sich bemerkbar machten. Zur Zeit ist es die Atmung.

Manchmal muss man sich zwingen

Ich schnaufe und pruste wie eine alte Dampflok. Ich habe das Gefühl, dass mein Brustkorb in einer eisernen Rüstung steckt. Keine Möglichkeit richtig Luft zu holen. Und wenn ich die Steigung nach der Hälfte der Strecke dann in Angriff nehme, dann habe ich jedes Mal den Impuls anzuhalten und mich auszuruhen.

Doch ich quäle mich den Berg hinauf und treibe mich selber an, bis ich an den Punkt komme, wo es wieder abwärts geht. Ich zwinge mich den Berg hinauf, und wenn es sein muss, dann treibe ich mich in Gedanken an und schimpfe mit mir, damit ich mich nicht hängen lasse.

Wenn ich den Wendepunkt erreicht habe, ist mein Puls im Hochfrequenzbereich. Meine Atmung geht flach und schnell, die Beine wollen nicht mehr und nur der Kopf sagt: „Weiter! Los, weiter den Berg wieder runter!“

Plötzlich wird alles leicht

Doch es dauert gar nicht lange, vielleicht eine halbe Minute, dann merke ich, wie die Atmung leichter wird. Der Körper wird wieder gut mit Sauerstoff versorgt, die Beine laufen wieder von alleine, der Kopf wendet sich wieder anderen Dingen zu. Und alle Schwere fällt von mir ab.

Eigentlich sollte man meinen, dass mein Körper mit zunehmender Strecke müder werden würde. Doch wenn ich diese Steigung hinter mir habe, fällt mir danach alles ganz leicht. Der Körper funktioniert ganz automatisch. Ohne angetrieben zu werden. Ich fühle mich stark und in Topform. Ich könnte Bäume ausreißen.

Mein Geist ist ebenfalls befreit und geht seiner Wege. Ich habe während dieser Phase des Laufens einen Haufen Ideen und Inspirationen und wie die Muskeln des Körpers fühlt sich auch mein Geist stark und überlegen. Vermutlich ein Sauerstoffschock – der mich überheblich macht ;-)

 

Deine persönliche Bergprüfung

Ich glaube, in unserem Leben ist es ähnlich. Wir haben immer wieder solche Bergprüfungen. Situationen, in denen uns fast die Luft ausgeht. Wo wir einfach nicht mehr können. Und nicht mehr wollen. Weil uns alles zu anstrengend wird. Es schnürt uns die Luft ab. Die Beine werden schwer.

Das müssen nicht unbedingt körperliche Anstrengungen sein. Das können Prüfungen sein, die uns die Sinne rauben. Das können persönliche Probleme sein. Das können Menschen sein, die uns das Leben schwer machen. Nachbarn, Partner, Eltern, Vorgesetzte. Sie nehmen uns die Luft. Sie fesseln unseren Geist. Wir können an nichts anderes mehr denken.

Das schränkt ein. Das macht unzufrieden. Das macht mutlos oder wütend. In einer solchen Situation hat man meist eine sehr eingeschränkte Sichtweise. Man sieht nur dieses eine Problem wie einen riesigen, unüberwindbaren Berg vor sich. Sieht nur die langen Serpentinen, die sich den Berg hinauf schlängeln. Sieht nur die gewaltige Silhouette des Problems und die eigene kleine Gestalt davor, der der Atem ausgeht und die Beine versagen.

In solchen Situationen ist es wichtig sich klar zu machen, dass es diesen Punkt gibt, ab dem es wieder leichter wird. Du must dich zwingen, damit Du es wirklich bis dahin schaffst. Lass Dich nicht hängen. Treib Dich an. Sprich Dir selber Mut zu. Du schaffst das. Wenn es sein muss schimpf mit dir selbst, schrei Dich an.

Es gibt Sportler, die genau das machen in Momenten höchster Anspannung. Das ist Teil ihrer Selbstmotivation und auch ein Ventil um die angestaute Anspannung loszuwerden.

Denke daran, jede Steigung hat einen Scheitelpunkt. Es geht niemals nur bergauf. Vielleicht ist dieses Problem, mit dem Du dich gerade herumschlägst, deine ganz persönliche Bergprüfung.  Das Leben hat, wie der Berg, Sonnen- und Schattenseiten. Nur wer stehenbleibt und aufgibt, weil er die Schattenseite für unüberwindbar hält, wird die Sonnenseite niemals sehen.

Laufe also weiter. Der schönere Teil der Strecke liegt noch vor Dir!



Hat Dir der Artikel gefallen? Abonniere den RSS-Feed hier:

Hier kannst Du den Artikel weiterempfehlen: Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • Digg
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Infopirat
  • Oneview

Post to Twitter

Keine ähnlichen Beiträge zu diesem Thema.




9 Jun 2009 | in intelligenter leben » | Kein Kommentar

Kommentiere diesen Beitrag!