Das Korsett deines Lebens

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von Axel Speitmann

Unser Leben ist ein System von vielen verschiedenen Ebenen, in denen wir uns bewegen. Da ist zum einen die Zeit, also das Jahrhundert oder Jahrzehnt, in dem wir leben. Da ist zum anderen die Region in der wir aufwachsen oder in die wir irgendwann umgezogen sind. Da sind die Familie, die Freunde, die Arbeitskollegen, die Verkäuferin in der Bäckerei um die Ecke und der freundliche Herr im Callcenter deines Kabelanbieters – also alle Menschen, mit denen wir im Laufe unseres Lebens zu tun haben.

 

Eine wichtige prägende Ebene ist die Gesellschaftsform in der wir aufwachsen. Andere sind die Gesetzgebung, die Religion, der wir angehören, die Prägung durch die Eltern im Kindesalter und die persönlichen Erfahrungen, die jemand in seinem Leben macht. Weitere Ebenen sind die Schulbildung, die wir genießen, die Berufsausbildung, die wir absolviert haben, die Partnerschaften in denen wir im Laufe unseres Lebens leben, ob wir Kinder haben oder nicht. Auch unser Denken und daraus resultierende Handlungen sind unterschiedliche Dimensionen in denen unser Leben stattfindet. Es gibt unzählige davon. Jede für sich betrachtet betrifft einen ganz bestimmten Teilbereich unseres Lebens. Wenn Du weiter darüber nachdenkst, wirst Du schnell feststellen, dass es in deinem persönlichen Leben haufenweise solche unterschiedlichen Ebenen gibt, auf denen Du dich bewegst. Und jede dieser Ebenen bildet einen Rahmen für diesen bestimmten Teilbereich unseres Lebens. In der Regel bewegen wir uns nur im vorgegeben Rahmen dieser Ebene. Die Grenzen, die dieser Rahmen uns setzt, sind zum Teil von außen vorgegeben, zum Teil aber auch von uns selbst festgelegt.

 

„Normales“ Leben innerhalb abgesteckter Grenzen

Da wir Menschen in der Regel aber nicht nur faul sind, sondern auch harmoniebedürftig (zumindest die meisten von uns), sind diese Grenzen, die die einzelnen Rahmen uns vorgeben, in der Regel so abgesteckt, dass wir uns komfortabel innerhalb dieser Grenzen bewegen können, ohne, sinnbildlich gesprochen, irgendwo anzuecken. Innerhalb dieser Grenzen findet das „normale“ Leben von „Otto Normalverbraucher“ statt. Von außen vorgegebene Rahmen können in diesem Fall zum Beispiel die Gesetzgebung der Gesellschaft sein, in der ich lebe oder ein allgemein für gültig erachteter Wertekatalog. In Ebenen, in denen ich selber die Werte für die Grenzen, innerhalb derer ich mich bewege, festlegen kann, achte ich darauf, dass sie so ausfallen, dass ich nicht das Gefühl habe, eingeengt zu sein. So zum Beispiel bei der Wahl meiner Freunde oder meiner Hobbies. Darüber hinaus gibt es auch Ebenen in denen es eine Mixtur aus selbstgewählten Parametern und vorgegebenen Grenzen gibt, die uns andere Menschen oder Organisationen diktieren. Ein Beispiel dafür ist die Arbeitswelt. Dort können sich die meisten von uns teils selbstbestimmt, teils nach festen vorgegebenen Regeln innerhalb bestimmter Grenzen bewegen. Wie schon gesagt, versuchen wir meist uns innerhalb der vorgegebenen Grenzen zu bewegen. Wir führen ein „normales“ Leben. Meist halten wir sogar dabei gebührend Abstand zu diesen Grenzen, um nicht Gefahr zu laufen mit diesen zu kollidieren. In der Literatur wird dieser Bereich, in dem wir uns „wohl fühlen“ als sogenannte „Komfortzone“ bezeichnet. Der Raum zwischen den Grenzen, den wir brauchen, um uns komfortabel zu fühlen, sind von Ebene zu Ebene und auch von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Deswegen sind die Rahmen, innerhalb derer sich die Menschen auf den einzelnen Ebenen bewegen auch vollkommen unterschiedlich. Die deckungsgleichen Bereiche auf einzelnen Ebenen sind dementsprechend auch vollkommen unterschiedlich. So können Menschen z.B. die gleichen Hobbies haben und sich dort blind verstehen und vertrauen, aber in anderen Teilbereichen ihres Lebens vollkommen unterschiedliche Vorstellungen haben, davon was gut oder richtig ist.

 

Der Rahmen, den uns eine bestimmte Ebene vorgibt, kann Einfluss haben auf andere Ebenen. Vergrößern wir den Rahmen der einen Ebene, so kann es sein, dass wir damit eine andere Ebene beschneiden. Die Ebenen und die Limitierungen der einzelnen Ebenen sind interaktiv. Sie korrelieren miteinander. Wenn wir zum Beispiel entscheiden der Karriere am Arbeitsplatz einen größeren Stellenwert in unserem Leben einzuräumen, so hat das höchstwahrscheinlich Auswirkungen auf die Ebenen Einkommen, Status, Familie, Partnerschaft, Freundschaften und Freizeit. Und auf viele andere.

Ein Korsett aus unzähligen Rahmen

Aus dem Zusammenspiel aller Ebenen ergibt sich ein mehrdimensionales Rahmengerüst, das unser Leben wie ein Korsett umgibt und die Grenzen unseres derzeitigen Seins darstellt. Dieses Korsett dehnt sich und verengt sich an anderen Stellen je nachdem, welche Richtung wir in unserem Leben einschlagen. Es ist bis zu einem gewissen Maß flexibel. Es gibt Widerstand und es unterstützt zugleich. Durch dieses Korsett erhält unser Leben die notwendige Stabilität. Aber es wirkt auch einengend, da wir uns in der Regel, teils freiwillig, teils gezwungener Maßen, nur innerhalb vorgegebener Grenzen bewegen.

Der Eine oder Andere mag jetzt vielleicht sagen, dass das aber nicht für unser ganzes Leben gilt. So brechen wir doch in unseren Tag- und Nachtträumen oder auch in unseren Gedanken vielfach aus der vorgegebenen Welt aus und bewegen uns über die Grenzen unseres Daseins hinweg… Ja und Nein.

Eigentlich ist dieses „Ausbrechen“ nur eine temporale Ausweitung der bestehenden Grenzen. Und dies auch nur auf einer Ebene, nämlich der des Traumes oder der Gedanken. Wir verbreitern also zum Beispiel für einen kurzen Moment des Traumes unser Korsett. Dies geschieht auf einer nichtrealen Ebene. Man könnte auch sagen wir stellen uns an die bestehende Grenze und werfen einmal einen Blick in das Niemandsland dahinter. Niemandsland für uns selbst. Für andere Menschen ist dieser Bereich vielleicht Alltag, da sie ihre Grenzen anders gezogen haben als wir selbst. Der Traum, das „Tagträumen“ oder „herumspinnen“ ist also eine Möglichkeit einmal den gegebenen Rahmen zu verlassen und ohne Gefahr Neues zu entdecken.

 

Was, wenn ich Grenzen überschreiten will?

Wenn ich allerdings in meinem Leben wirklich etwas verändern will, dann muss ich diese Schritte zur Ausweitung meiner persönlichen Grenzen auch auf der realen Ebene vollziehen. Das bessere Leben erreicht nur der, der bereit ist, sein persönliches Korsett der verschiedenen Rahmen seiner Lebensebenen, so weit wie möglich selbst zu gestalten. Das bedeutet zunächst einmal Mut haben. Mut haben für Veränderungen. Denn wenn sich nichts verändert, bleibt das Leben wie es ist und wird nicht das bessere Leben das wir anstreben. Und wir brauchen den Mut auch dann, wenn wir Widerständen begegnen auf diesem Weg über die persönlichen Grenzen hinaus. Doch es ist nicht nur der Mut, der etwas bewegt, sondern vor allem der unbändige Wille etwas ändern zu wollen.

Zweitens bedeutet die Änderung des persönlichen Rahmenkorsetts aber vor allem Arbeit. Oh weh, Arbeit. Spätestens hier werde ich einen Teil meiner Leser vergrault haben. Zu dieser Arbeit „an sich selbst“ werde ich an gleicher Stelle in den nächsten Wochen noch weiter schreiben. Nur soviel für jetzt. Wer nicht bereit ist etwas Schweiß und geistige sowie Muskelkraft einzusetzen wird scheitern.

Es bedeutet drittens aber auch Einsicht. Denn je älter wir sind, umso stärker sind die Limitierungen unseres Lebens. Und umso schwieriger sind diese zu durchbrechen. Junge Menschen sind weniger geprägt und gebunden in vielfältiger Hinsicht. Je älter wir werden, um so mehr Erfahrungen haben wir, um so mehr seelische Schrammen und offene Wunden schleppen wir mit uns rum, um so mehr Ängste haben wir entwickelt und umso vorsichtiger werden wir. Vorsichtiger und damit auch ängstlicher. Das Überschreiten von gegebenen Grenzen bedeutet in der Regel für ältere Menschen mehr Überwindung. Nicht nur weil sie diese Grenzen meist schon viel länger akzeptiert haben, sonder auch, weil sie in ihrem Leben vielleicht schon mehrfach erlebt haben, wie ihnen andere Menschen oder das Leben selber auf die Finger geklopft haben, wenn sie die vorgegebenen Grenzen verlassen wollten.

Aber Einsicht bedarf es auch darin, dass wir bestimmte Dinge einfach als gegeben hinnehmen müssen. Weil sie eben nicht mehr zu ändern sind. Ein bestimmter Teil unseres Lebens ist Vergangenheit. Was da passiert ist, hat uns geprägt, was da passiert ist, das ist unumkehrbar. Wir können nur die Zukunft beeinflussen. Und wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass es auch für die Zukunft Limitierungen gibt, die wir nicht oder nur geringfügig beeinflussen können. Dazu können zum Beispiel altersbedingte Leiden gehören, oder Potenzprobleme oder eine lebensbedrohende Krankheit oder die Tatsache selbst, dass unser Leben endlich ist. Und vieles andere mehr.

 

Kein Aktionismus

Wenn ich mir darüber im Klaren bin, dass das Leben, das ich zur Zeit führe nicht dem Leben entspricht, das ich führen möchte oder leben könnte, dann muss ich zunächst einmal feststellen, welche der vielen Rahmen meines „Lebens-Korsetts“ mich am meisten einengen. Es wäre falsch an diesem Punkt in puren Aktionismus zu verfallen, und einfach alles in Frage zu stellen, nur weil wir gerade unzufrieden sind. Solche Schnellschuss-Aktionen führen meist dazu, dass wir uns nur noch mehr verrennen und unüberlegt Entscheidungen treffen, die wir schon kurze Zeit später bedauern.

Vielmehr ist es wichtig eine Strategie zu entwickeln, was wir in unserem Leben ändern wollen und welche Schritte wir dafür nacheinander tun müssen. Dazu ist es nötig zunächst festzulegen: Wo will ich überhaupt hin? – Was ist mein Ziel? Was will ich erreichen? Erst wenn ich das weiß, kann ich entscheiden, welche Parameter in meinem Leben in Frage zu stellen sind und welche Grenzen ich ausweiten oder überschreiten muss.

Über eines muss ich mir dabei nämlich immer im Klaren sein. Das Korsett der vielen verschiedenen Rahmen der Lebensebenen ist das, was mein Leben zusammenhält. Dazu gehören auch all die Rahmen und Grenzen, die mich auf den ersten Blick nur einengen. Diese Rahmen, die vielfach von anderen festgelegt wurden, sind vielleicht auch zu meinem Schutz gemacht worden. So engen mich Arbeitsvorschriften oder Gesetze zwar ein, aber andererseits schaffen sie auch Sicherheit, die mir das Leben innerhalb der gesteckten Grenzen wesentlich vereinfacht. Wir sollten also auch die Rahmen und Limitierungen, die uns von anderen übergestülpt werden, versuchen aus der Sicht eines objektiven Dritten zu betrachten. Vielleicht macht das ein oder andere dann doch Sinn, auch wenn es hin und wieder mal drückt und zwickt und einengt.

 

Selber gesteckte Grenzen ausweiten

Am einfachsten ist es bei den Limitierungen zu beginnen, die wir uns selber auferlegt haben. Das können ganz bewusste Entscheidungen sein, die wir irgendwann getroffen haben, aber auch Ängste, die unser Leben entscheidend prägen und beeinträchtigen. Stellen wir uns diesen Ängsten. Überdenken wir unsere Entscheidungen der Vergangenheit. Die Welt ändert sich jeden Tag. Da kann es doch sein, dass deine Entscheidungen von vorgestern schon wieder überholt sind. Hinterfrage dich und überlege auf welcher Ebene deines Lebens du nicht nur mal über die Grenze hinausschauen, sondern wirklich den Fuß ins Niemandsland setzen willst.

 

Foto von din_bastet

 

 

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3 Mrz 2009 | in zufriedener leben » | Kein Kommentar

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