Acht Kostbarkeiten (4) – unsere Sinne

Foto von Frangipani

von Axel Speitmann

(Foto von Frangipani)

Hast Du dir schon einmal Gedanken gemacht, wie es wäre, wenn Du einen Deiner Sinne nicht nutzen könntest? In meinem vierten Artikel zu den „acht Kostbarkeiten“ geht es heute um unsere fünf Sinne.  Hören, schmecken, fühlen, riechen, sehen. Ab der ersten Sekunde auf dieser Erde, ja eigentlich sogar schon im Leib unserer Mutter, beginnen wir unsere Sinne zu nutzen. Unsere Sinnesorgane müssen nicht eingeschaltet werden. Sie funktionieren automatisch. Und genauso unbewusst setzen wir sie auch ein. Haben wir uns erst daran gewöhnt sie regelmäßig zu nutzen, so ist es ein Schock, wenn einer unserer Sinne ausfällt.

Ganz egal, ob es nur vorrübergehend oder bleibend ist. Es ist so selbstverständlich, dass uns unsere Sinne immer zur Verfügung stehen, dass wir uns gar nicht vorstellen können ohne sie zu sein. Und deshalb ist dieser Zustand im wahrsten Sinne des Wortes für uns „undenkbar“. Aber es ist erlebbar. Und dieses Erleben kann sehr lehrreich sein für uns.

Der Ausfall unserer Sinne lässt sich künstlich kurzfristig erzeugen oder kann durch Verletzungen, Unfälle oder Schocks auch vorrübergehend eintreten. Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Begebenheit bei der ich miterleben konnte, wie dies einer meiner Töchter passierte. Sie hatte die Erlaubnis bekommen sich Ohrlöcher für die ersten Ohrringe stechen zu lassen. Die Aufregung war groß als wir in die Stadt gingen. Leider ging dann beim Ohrloch stechen etwas schief und die „Pistole“ mit der das Loch geschossen wurde, verhakte irgendwie und blieb dann am Ohr hängen und musste mit ziehen und viel Geduld langsam gelöst werden. Plötzlich sagte unsere Tochter: „Mama ich kann nichts mehr sehen!“ Wir waren zunächst etwas irritiert über die Aussage und konnten das nicht ganz glauben, dass sie wirklich nichts mehr sehen konnte. Doch als sie mehrfach bestätigte, dass alles schwarz sei und sie nicht mehr sehen könne, wurde uns doch etwas anders. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie geschockt nicht nur unsere Tochter war, sondern auch wir als Eltern und ebenfalls die Frau, die die Ohrlöcher gestochen hatte.

Obwohl dieser Ausfall des Gesichtssinns nur ein paar Minuten dauerte und dann komplett verschwand, ist er zu einer bleibenden Erinnerung geworden. Was, wenn dieser Zustand angedauert hätte? Was, wenn sie für immer das Augenlicht verloren hätte? Solange wir uns nicht durch den Kontakt mit betroffenen Menschen oder durch persönliche Erlebnisse die Folgen des Ausfalls eines unserer Sinne vorstellen können, bleibt es eine Sache, die wir in unserem Leben ausklammern. Wir denken nicht darüber nach, weil wir uns nicht betroffen fühlen. Weil der Zustand nichts zu sehen, oder nichts zu hören für uns nicht vorstellbar ist.

Das ist auch der Grund, warum wir uns der Kostbarkeit unserer Sinne nicht wirklich bewusst sind. Wir haben und nutzen sie vom ersten Tag an. Sie funktionieren in der Regel ohne irgendwelche Probleme und wir nehmen gar nicht bewusst wahr, dass wir sie nutzen. Wir tun es einfach. Erst der Wegfall der Nutzungsmöglichkeit wird als schmerzlicher Verlust empfunden, der Menschen in tiefe Krisen stürzen kann. Wenn wir unsere Sinne verlieren, fühlen wir uns nicht mehr als vollwertiger Mensch. Der Ausfall eines Sinnes bedeutet in der Regel einen tiefen Einschnitt in das Leben eines Menschen. Wenn jemand erblindet oder taub wird, kann er nur noch bedingt am öffentlichen Leben teilnehmen. Zumindest wird sein Alltag deutlich erschwert und er muss sich entweder helfen lassen oder neue Fähigkeiten entwickeln und erlernen, um das Leben meistern zu können. Erst wenn wir es verlieren, können wir wirklich ermessen, wie kostbar dieses verlorene Sinnesempfinden für unser bisheriges Leben war.

Aber wie können wir uns unserer Sinne mehr bewusst werden? Wie können wir dieser Kostbarkeit in unserem Leben mehr Aufmerksamkeit schenken? Nachfolgend drei Tipps, die dabei helfen können, unsere Sinne in einem etwas anderen Licht zu sehen.

 

Die Sinne „ausschalten“

Um einmal ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es ist, wenn Du einen deiner Sinne nicht mehr nutzen kannst, schalte ihn doch einmal aus. Wie bitte? Ausschalten? Wie soll das den gehen? Wir haben doch keine Schalter am Körper angebracht, mit denen wir unsere Sinne an und aus knipsen können. Wir nutzen unsere Sinne doch ganz automatisch.

Stimmt! Aber wir können trotzdem einmal so tun, als wenn einer unserer Sinne ausfällt, indem wir ihn bewusst ausblenden, um zu erleben, wie sich das so anfühlt. Jeder der schon einmal blinde Kuh gespielt hat, kennt das, wie es ist, wenn man nichts sieht. Nur, dass da das Erleben des Spiels im Vordergrund stand. Versuche zum Beispiel einmal für mehrere Stunden ohne deinen Gesichtssinn auszukommen. Verbinde Dir die Augen. Und zwar so, dass Du nach Möglichkeit auch nicht den Einfall von Licht und Schatten unterscheidest hinter deinen Augenliedern.

Oder besorge Dir Ohrstöpsel. Die bringen zwar nur etwas solange die Umgebungsgeräusche einen gewissen Pegel nicht überschreiten, aber es ist zumindest einmal ein Erster Eindruck, wie es ist, wenn Du schlecht oder gar nicht mehr hörst.

Das gleiche kann man mit dem Tastsinn erleben. Wenn die Nerven durch ein Narkosemittel, durch Kälte oder durch Verbrennungen an bestimmten Stellen unempfindlich geworden sind bekommst Du punktuell einen Eindruck davon wie es ist, diesen Sinn nicht mehr nutzen zu können. Das kannst Du zum Beispiel erleben, wenn Du beim Zahnarzt eine Narkose bekommst und die Lippe oder die Zunge taub werden. Oder klemme dir die Nase zu und versuche deine Umgebung ohne den Geruchssinn zu erleben.

Alles das ist nicht das Gleiche, wie der tatsächliche Verlust einer Sinneswahrnehmung. Aber es gibt Dir ein gewisses Verständnis dafür, wie es ist, wenn dies einem Menschen passiert. Und es vermittelt dir vielleicht ein anderes Wertgefühl für die Sinne.

 

Die Sinne genießen

Während Du deine Sinne nutzt, genieße sie bewusster. Wenn Du Dinge  anschaust, dann schaue sie bewusst an. Hast Du schon einmal einen Sparziergang im Frühling gemacht und erlebt wieviele verschiedene Schattierungen der Farbe Grün es in der Natur gibt. Es ist wirklich erstaunlich, wenn man einmal genauer hinschaut. Oder die verschiedenen Blautöne des Himmels über den Tag. Genieße es!

Wenn Du etwas isst oder trinkst, esse oder trinke es bewusster. Versuche genauer zu erkunden, was deine Geschmacksknospen alles entdecken können, auch bei ganz profanen Dingen. Du wirst erstaunt sein, wenn Du dir Zeit nimmst und kleine Stücke oder Schlucke eines Lebensmittels in den Mund nimmst und nicht gleich schluckst. Kaue darauf herum, lass es auf der Zunge wandern und entdecke, was da alles an Aromen hervorkommt. Genieße es!

Hast Du schon einmal bemerkt, dass sich ein Lied ganz anders anhört, wenn Du es mit einem Kopfhörer hörst? Es ist ein ganz anderes Klangerlebnis. Und auch der Unterschied zwischen einer guten Stereoanlage mit Top-Boxen und einem kleinen Küchenradio ist frappant. Höre genauer hin und entdecke die vielen versteckten Töne, die Dein Ohr sonst gar nicht wahrnimmt. Genieße es!

Schon mal Schlangenhaut angefasst? Oder wie steht es mit einem rostigen Eisenträger oder einen Kaktus oder ein Elektrozaun. Nein? Dann hast Du noch viel zu erleben. Gut, zugegeben, das mit dem Elektrozaun muss man nicht unbedingt machen. Aber es gibt eine Menge Dinge, die Du bewusster anfassen solltest oder einmal auf Deiner haut spüren solltest. Du kannst ganz neue “Fühl-Erfahrungen“ machen. Genieße es!

Das gleiche gilt für das Riechen. Mache Experimente. Probiere Dinge aus, die Du noch nicht kennst. Rieche auch an Dingen, die nicht gut aussehen. Versuche neue Erfahrungen zu machen und speichere die Gerüche in deinem Hirn ab. Ich bin sicher, Du kannst ein ganz neues Universum an Gerüchen erforschen, das Du noch nicht kennst. Genieße es!

 

Die Sinne schärfen

Du solltest Deine Sinne auch trainieren. Wenn Du deine Sinne schärfst, kannst Du mehr und bewusster deine Umwelt wahrnehmen und genießen. Am einfachsten ist es eine Sinneswahrnehmung zu trainieren, wenn man sich voll und ganz darauf konzentrieren kann. Dazu kann es vorteilhaft sein, die anderen Sinne „auszuschalten“, wie oben beschrieben. Denn unsere Sinne arbeiten nicht immer autark. Vielmehr ist es oft ein Zusammenspiel von verschiedenen Sinneswahrnehmungen, die gleichzeitig im Hirn verarbeitet werden und zu dem „Gesamteindruck“ führen, den wir von einer Sache bekommen.

Als Beispiel könnte man zum Beispiel einen Selbstversuch zum Geruchssinn machen. Man verbindet sich die Augen und lässt sich dann von einer anderen Person verschiedene Dinge reichen, die man vorher nicht gesehen hat. Die Dinge sollten so präsentiert werden, dass Du wirklich nur daran riechen kannst und weder deinen Gesichtssinn noch deinen Tastsinn einsetzen kannst, um sie zu erkennen.

In ähnlicher Form wurde dieser Versuch schon einmal in einer Sendung von „Schlag den Raab“ bei ProSieben durchgeführt, wo die Kontrahenten verschiedene Dinge nur am Geruch erkennen sollten. Für mich war es erschreckend, wie wenig die beiden Teilnehmer erkannt haben. Aber ich gebe zu, es ist schwer die Dinge mit verbundenen Augen und ohne sie berühren zu können zu erkennen.

Als weitere Möglichkeit die Sinne zu schärfen, kann man dem Sinnesorgan sehr unterschiedliche neue Eindrücke präsentiert, die es bisher noch nicht kannte. Also neue Gerüche für den Geruchssinn und neue Formen oder Oberflächen für den Tastsinn und so weiter. Andererseits kann man auch ähnliche Reize wählen und das Sinnesorgan trainieren geringfügige Unterschiede wahrzunehmen. Teste es. Spiele ein wenig mit den Möglichkeiten.

Zum Schluss folgender Rat: Höre genauer hin, schaue genauer hin, unterscheide Gerüche genauer, schmecke die verschiedenen Aromen genauer heraus, fühle intensiver, was es zu ertasten gibt. Lebe intensiver.



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1 Apr 2009 | in intensiver leben » | Kein Kommentar

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