Acht Kostbarkeiten (2) – ausreichend Zeit

von Axel Speitmann

In meinem Artikel über die „acht Kostbarkeiten“ habe ich aufgezählt, was für mich persönlich zu den Kostbarkeiten zählt, die es meiner Meinung nach zu schützen gilt. Eine dieser Kostbarkeiten ist die Zeit. Zeit ist ein wertvolles Gut. Jeder von uns kennt den Ausspruch „Time is money“.  Wer Viel Zeit hat, hat viele Möglichkeiten. Wer keine Zeit hat, der ist gehetzt und kann nichts richtig zu Ende bringen. Solche Menschen bezeichnen wir zu Recht als arme Schweine. Wer Zeit verschwendet, der verschwendet Potential und Möglichkeiten. Und je älter wir werden, umso weniger Zeit haben wir, absolut gesehen. Das ist einerseits tragisch andererseits aber auch gut.

Endlichkeit ist das, was uns die Zeit so wertvoll macht. Das heißt, dass das Bewusstsein darüber, das unser Leben auf dieser Erde endlich ist, uns zumindest hin und wieder zeigt, dass wir die Zeit nicht sinnlos verschwenden sollten.

Zeit, was ist das überhaupt? Warum gehen wir damit so verschwenderisch um? Warum ist sie tatsächlich so kostbar?  Und wie können wir „unsere“ Zeit besser nutzen? 

Was ist Zeit?

Die Meinungen darüber gehen sehr weit auseinander. Je nachdem aus welchem wissenschaftlichen Blickwinkel die Zeit betrachtet wird, ist sie mal eine physikalische Größe, mal ein ökonomisches Hilfs- oder Bewertungsmittel und ein anderes Mal ein philosophisches Abstraktum oder schlichtweg ein Geheimnis, wie sie von Michael Ende in seinem Roman „Momo“ bezeichnet wird.

Die Einen sagen, die Zeit sei ein Konstrukt unseres Hirns, das in Wirklichkeit gar nicht existiert. Die Zeit habe der Mensch „erfunden“, um sich selbst ein Hilfsmittel zu schaffen, zwischen dem Jetzt, dem Vergangenen und dem Zukünftigen genauer unterscheiden zu können. Wie in vielen Bereichen unseres Lebens, in denen wir versuchen, die Dinge berechenbar und kontrollierbar zu machen, so haben wir einen Weg gefunden, Zeit messbar zu machen. Damit haben wir ihr sinnbildlich wie einem Pferd das Geschirr angelegt, um sie zu zähmen, sie nach unserem Willen zu dirigieren.

Für die Anderen ist die Zeit ein Hilfsmittel, um bestimmte Vorgänge der Physik oder der Ökonomie messbar, bewertbar und verständlich zu machen. Mit Zeit wird gerechnet und mit Zeit wird Geld verdient. Time is money – und je knapper die Zeit wird, umso kostbarer, also teurer wird sie. Das spiegelt sich wieder in Preisen für Fernsehspots oder Honoraren von Top-Beratern, aber auch im den Minutenpreisen für unser Mobiltelefon oder die Zeitbegrenzung für den Besuch im Hallenbad.

Unser Gefühl sagt uns, dass die Zeit eine etwas schwammige Sache ist. Mal vergeht sie wie im Flug; ein anderes Mal zieht sie sich wie Kaugummi und dann scheint sie plötzlich stillzustehen oder ist gar nicht mehr greifbar, wenn wir zum Beispiel träumen. So wie Materie in verschiedene Aggregatzustände wechseln kann, von fest zu flüssig zu gasförmig, so scheint sich auch die Zeit in verschiedene „Aggregatzustände“ verwandeln zu können und damit mal mehr, mal weniger greifbar zu sein.

Während zu früheren Zeiten die Sonne den Rhythmus allen Lebens und Arbeitens bestimmte, so sind es inzwischen unsere Uhren und Terminkalender, die uns ihren Rhythmus aufzwingen. Da wo die Stechuhr die Arbeitszeit dokumentiert und der Fließbandtakt uns den Rhythmus vorgibt, haben wir uns inzwischen vollkommen dem Diktat des Sekundenzeigers unterworfen.

In der modernen Welt von heute in der vieles automatisiert und reglementiert ist und die zeitlichen Abläufe exakt geplant werden, und wo wir von einem Termin zum nächsten hetzen, fragt man sich unwillkürlich, ob der Mensch mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln tatsächlich noch Herr über „seine“ Zeit ist, oder ob nicht vielmehr umgekehrt die Zeit den Menschen beherrscht.

Ganz egal, ob Zeit ein Naturphänomen ist oder ein Hirngespinst. In unserer heutigen Gesellschaft ist Zeit existent, gar keine Frage. Wenn auch vielleicht nur in unseren Köpfen. Sie ist allgegenwärtig und sie ist ein knappes Gut. Wir können uns dem kaum entziehen, da wir als Teil dieser Gesellschaft in ein System eingebunden sind, das uns unseren Lebenstakt in vielen Bereichen vorgibt. Die wenigsten von uns können frei über ihre Arbeitszeiten bestimmen. Wenn wir geschäftliche Kontakte pflegen, dann machen wir verbindliche Termine. Wenn wir einkaufen gehen wollen, müssen wir uns an den Ladenöffnungszeiten orientieren. Das sind nur zwei Beispiele dafür, dass wir in Systeme eingebunden sind, die uns den Rhythmus der Zeit diktieren, ob wir wollen oder nicht.

Ist Zeit wirklich so etwas Kostbares?

Angesichts der Tatsache, dass wir nur für eine endliche Zeitspanne auf dieser Erde sind und wir uns selber in unserem Gesellschaftssystem ja permanent vor Augen führen, dass Zeit kostbar ist(Time is Money), verwundert es doch sehr, dass eigentlich fast jeder von uns ab und zu verschwenderisch mit seiner Zeit umgeht.

Damit ist nicht gemeint, wenn ich mich im Sommer einen Nachmittag lang an den Strand lege oder abends schon nach der Tagesschau ins Bett gehe. Auch nicht, wenn jemand gedankenversunken ein ganzes Wochenende seinem Hobby nachgeht.

Vielmehr meine ich, wenn Menschen sich regelmäßig langweilen und nichts an dieser Situation ändern. Oder wenn jemand regelmäßig jeden Abend vor dem Fernseher sitzt, ganz egal was läuft. Oder, wenn Menschen sich dumpf dem Suff oder Drogen ergeben. Das ist in meinen Augen vertane Zeit.

Oder, wen wir eigentlich wichtigere Dinge zu tun hätten und diese aufschieben zugunsten von irgendwelchen belanglosen Tätigkeiten. Beispiel: die Millionen von Jugendlichen, die Tag für Tag vor dem Computer sitzen und stundenlang Ballerspiele machen, anstatt sich um die Schule oder ihre Ausbildung zu kümmern. Nicht das Spielen am Computer für sich ist das Schlimme, sondern die Diskrepanz zwischen den wirklich wichtigen Aufgaben, die wir haben und dem, was wir tatsächlich tun. Das ist Verschwendung von Zeit.

Wie kommt das, dass wir so verschwenderisch mit unserer Zeit umgehen? Nun, ich denke es liegt vor allem daran, dass wir „unsere“ Zeit nicht bezahlen müssen. Wir bekommen sie geschenkt. Als junger Mensch steht uns die Welt offen. Wir haben unendlich viel Zeit. Wir brauchen noch keine Terminkalender und Stundenpläne und deshalb gehen wir großzügig mit unserer Zeit um. Wir haben Zeit im Überfluss und machen uns keine Gedanken darüber, dass sie auch einmal knapp sein könnte.

Später dann sind wir eingebunden in die Maschinerie der Zeitsysteme und werden zum Teil hilflos, wenn wir aus diesen Systemen herausfallen, zum Beispiel bei Arbeitslosigkeit oder wenn wir in Rente gehen. Dazwischen gibt es andere Phasen, in denen wir schlichtweg froh sind, mal nicht eingespannt zu sein. Wir versuchen dem Druck der Zeitgebundenheit zu entfliehen. Dabei machen wir uns keine Gedanken darüber, dass diese Zeit, die wir nicht nutzen, für immer verloren ist. Wir freuen uns einfach darüber, dass wir einmal einen selbstbestimmten Rhythmuswechsel haben.

Müssten wir unsere Zeit kaufen, so sähe das sicherlich anders aus. Jeder kennt die Denkaufgabe: „Stell Dir vor, Du hättest noch einen Tag zu leben. Was würdest Du tun?“ Erst dann, wenn Zeit knapp wird, erachten wir sie als kostbar. Erst dann fällt uns plötzlich ein, was wir noch alles erledigen wollten, noch alles sehen wollten, noch alles tun wollten und noch alles erleben wollten. Dann ist auf einmal nicht genügend Zeit da.

Darüber, dass unsere Zeit endlich ist, sind wir uns im Alltag selten bewusst. Erst wenn wir mit dem Tod konfrontiert werden oder im hohen Alter tritt dieses Denken mehr in den Vordergrund.

Wenn wir unsere Zeit bezahlen müssten, wenn wir für die Stunde dumpfes Fernseh-Glotzen einen dicken Batzen unserer Einkünfte hinblättern müssten, würden wir anders mit der Zeit umgehen. Wir würden für jede Minute abwägen, ob sie uns das wert ist oder nicht. Wen wir unsere Zeit erkaufen müssten, dann wären wir „geiziger“ mit der Zeit. Vielleicht ist geizig der falsche Ausdruck. Denn geizig sind wir heute schon mit unserer Zeit – anderen Gegenüber und uns selbst. Wir haben keine Zeit für die Belange andere und wir gönnen uns keine Zeit für uns selbst. Wahrscheinlich ist der Begriff  verantwortungsbewusster passender.

Wie können wir „unsere“ Zeit besser nutzen?

Wenn wir „Zeit besser nutzen“ lesen, dann wir in erster Linie an Effektivität. Doch das wäre nur eine sehr eindimensionale Sichtweise. Natürlich sollten wir effektiv mit unserer Zeit umgehen, denn dann verschwenden wir keine Zeit. Doch verantwortlich mit der Zeit umgehen heißt, sie zu Deinem persönlichen Nutzen zu gestalten. Der Nutzen kann sich ausdrücken in mehr Genuss, mehr Zufriedenheit, mehr Wohlstand, mehr Wissen und und und.

Effektivität kann nicht Selbstzweck sein. Wir erledigen eine Aufgabe nicht effektiv, um am Schluss des Lebens noch Zeit übrig zu haben, sondern um mehr Zeit für andere Dinge zu haben. Deshalb die Aussage wir „gestalten“ die Zeit zu unserem Nutzen. Gestalten ist ein aktiver Prozess. Wir bestimmen, was wir machen und wie wir die Zeit verbringen. Dadurch können wir Nutzen für uns persönlich daraus ziehen.

Aber mit welchen Mitteln und Wegen kann ich meine Zeit besser nutzen? Hier fünf Vorschläge zu einem besseren Umgang mit deiner Zeit:

Plane deine Zeit, aber verplane nicht dein Leben

-         Plane deine Termine und Aufgaben mit Zeitvorgaben.

-         Plane regelmäßige Pausen und Erholungszeiten.

-         Plane genügend Zeit, für Unvorhergesehenes.

Denn ungeplante Dinge, begleiten unseren Alltag wie das Wetter, das wir auch nicht beeinflussen können. Wir müssen es akzeptieren, wie es ist und versuchen das Beste daraus machen. Wenn wir aber Zeit für das Ungeplante einplanen, schlagen wir dem Unvorhergesehenen ein Schnippchen. Wir erwarten vorher, dass etwas kommt. Wir wissen nur nicht was. Zwar können wir nicht die Sache oder die Störung des Tagesablaufes selber im Voraus erkennen, aber Zeit dafür reservieren.

 

Bestimme den Wert deiner Zeit

Hast Du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, wieviel deine Zeit wohl wert ist? Wenn Du als Selbständiger arbeitest, dann musst Du deinen Kunden oder Klienten oder Patienten deine Arbeitszeit in Rechnung stellen. Natürlich gibt es dafür übliche Sätze, die der Arzt, der Rechtsanwalt oder der Handwerker in Rechnung stellen. Doch zunächst steht doch einmal die Frage im Raum, was ist der Mindestbetrag für den ich diese Arbeit machen werde. Mal abgesehen, von den zusätzlichen Kosten für Material, Angestellte, Steuern und so weiter, muss sich der Selbständige überlegen, wieviel ist meine Zeit wert. Letztlich macht auch der Angestellte nichts anderes, wenn er im Einstellungsgespräch sein Gehalt verhandelt.

Überlege Dir also in Ruhe, wieviel Deine Zeit wert ist. Und dann mache Dir bewusst, dass deine Zeit genauso viel wert ist, wenn Du vor dem Fernseher hockst und nur konsumierst. Oder wenn Du auf dem Sofa liegst und dich langweilst. Das ist dann so, als würdest Du Bares zum Fenster herauswerfen. Gehe vor allem mit deiner Freizeit sorgsam um, denn jetzt weißt Du, wie kostbar sie ist. Aber auch für dein Berufsleben kann es sinnvoll sein zu prüfen, ob der Aufwand den Du Tag für Tag betreibst in einem angemessenen Verhältnis zu dem steht, was Du bekommst. Entspricht dein Gehalt dem Wert, den Du an Lebensenergie und Lebenszeit einbringst. Ich habe oft genug erlebt, dass sich Menschen angesichts der Opfer, die sie im Beruf bringen mussten, regelrecht verbiegen mussten. Die Frage ist: Ist es das wirklich wert? Diese Entscheidung triffst Du!

 

Wichtige Dinge zuerst

Wer seine Zeit plant, der weiß, was für ihn wichtig ist. Wenn Du dir überlegt hast, welche Dinge Du heute machen must oder machen willst, dann ist der nächste logische Schritt, das Du überlegst, „was ist das Wichtigste“ auf meiner Liste. Das mache als Erstes. Alles andere kann warten. Was wichtig ist, das entscheidest Du. Aber wenn Du etwas als wichtig erachtest, dann schiebe es nicht vor Dir her, sondern geh es gleich an.

 

Nimm Dir Zeit, solange Du sie hast

Sei Dir dessen bewusst, dass Deine Zeit auf der Erde endlich ist. Mache es Dir jeden Tag aufs Neue klar, dass die Zeit, die hinter Dir liegt unwiederbringlich ist. Nutze die Zeit, die Du jetzt, heute, in diesem Augenblick hast, für das, was Dir wirklich wichtig ist im Leben. Wenn das deine Familie ist, so nimm Dir Zeit für sie. Wenn es Dein Job ist, nimm Dir Zeit dafür. Wenn es das Reisen ist, so reserviere Zeit dafür. Du weißt nicht, ob Du es morgen oder nächstes Jahr noch kannst. Fatal, wenn Du nach Jahren, in denen Du viel Zeit in ein Projekt, eine Idee oder eine Person gesteckt hast, plötzlich merkst, dass es eigentlich etwas gibt, das dir viel wichtiger ist.

 

Du bestimmst den Rhythmus

Kalender, Uhren und Ablaufpläne sind kein Teufelszeug. Sie helfen uns unser Leben zu organisieren und in einer Welt, die im Rhythmus des Sekundenzeigers marschiert mitzukommen. Die Frage ist nur, ob wir immer im gleichen Takt wie der Sekundenzeiger im Stechschritt marschieren, oder ob wir unseren eigenen Rhythmus haben. Nimm Dir die Freiheit hin und wieder aus der Reihe zu tanzen. Mache Dinge anders als die anderen. Nur weil du es anders machst, muss es nicht falsch sein. Gehe neue Wege. Lebe nicht ständig nach der Uhr, sondern mehr nach dem Bauch. Tu mehr von dem, was Du machen willst und weniger von dem was Du machen solltest.



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25 Mrz 2009 | in glücklicher leben » | Kein Kommentar

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